Wie aus einer Handelsstadt der Tang-Zeit eine lebendige Altstadtstraße wurde 🇨🇳
Durch das kunstvolle Tor der Yuyang-Gasse schreitend, fühlen sich Besucher um Jahrhunderte zurückversetzt. Reisende berichten, wie sie den alten Trommelturm bestiegen und von oben auf die sich schlängelnde Straße mit ihren blaugrauen Steinplatten und den traditionellen Ziegeldächern der Läden hinabblickten. Die hölzerne Treppe im Turm „knarrt, als würde sie Geschichten aus vergangenen Tagen erzählen“, und an den Traufen klingeln sanft kleine Windglocken im Brise. Man kann sich lebhaft das geschäftige Treiben auf dem Markt vor vielen Jahrhunderten vorstellen. Die Fußgängerzone, etwa 450 Meter lang, ist gesäumt von restaurierten Gebäuden im spätkaiserlichen Qing-Stil – teils mit geschwungenen Dächern, Holzschnitzereien und Flugstreben, teils schlichtere Backsteinfassaden –, was das Flair einer nordchinesischen Altstadt nachbildet.
Jizhou (früher Kreis Jixian) war schon in der Antike ein bedeutender Ort. Bereits in der Han-Dynastie entstand hier eine Stadt, und während der Tang-Zeit war es Sitz der Präfektur Jizhou (蓟州) an der nördlichen Grenze des Reiches. In der Ming-Dynastie wurde die Stadt stark befestigt: 1371 (Hongwu-Ära) erhielt die Lehmstadt eine Ziegelmauer mit drei Toren (im Osten, Westen und Süden), während im Norden die Berge als natürlicher Schutz dienten. Die Hauptstraße der Altstadt verlief etwa drei Li (ca. 1,5 km) zwischen dem Ost- und Westtor. Die heutige Yuyang-Gasse ist der westliche Abschnitt dieser historischen Magistrale – sie beginnt beim Trommelturm im Osten und endet am Rest der alten Stadtmauer im Westen. Nach Renovierungsarbeiten hat die Straße viel von ihrem ursprünglichen Charme zurückgewonnen, mit nostalgischen Laternen und einem jahrhundertealten Schnurbaum, der Schatten auf die Pflastersteine wirft.
Entlang der Straße und in ihrer Umgebung reihen sich Kulturschätze aneinander. Am östlichen Ende steht der Trommelturm (渔阳鼓楼), einst das Zentrum der Altstadt. Heute kann man hinaufsteigen und den Ausblick über die Dächer genießen. Direkt gegenüber ragt der berühmte Dule-Tempel (独乐寺) empor – eines von nur drei erhaltenen Holztempelbauten aus der Liao-Dynastie (10. Jh.) in China. Im Tempel beeindruckt der 16 Meter hohe Guanyin-Pavillon mit seiner buddhistischen Statue und der aufwendigen Holzkonstruktion, die die Jahrhunderte überdauert hat. Daneben erhebt sich die strahlend weiße Pagode des Baita-Tempels (白塔寺), ursprünglich 1058 erbaut: der 30 Meter hohe achteckige Turm aus weißem Backstein vereint Pavillon-, Vielfachdach- und Stupa-Elemente und wurde zum nationalen Baudenkmal erklärt. Direkt an der Altstadtstraße liegen außerdem ein Konfuziustempel und ein Luban-Tempel (zu Ehren des Schutzheiligen der Handwerker), was das reiche kulturelle Erbe von Jizhou unterstreicht. So gesehen ist diese alte Handelsstadt ein Freilichtmuseum der Architektur und Geschichte.
Ein besonderer Reiz der „Handelsstadt aus der Tang-Zeit“ besteht darin, regionale Snacks und Straßengerichte zu probieren. Die Yuyang-Gasse ist gesäumt von Garküchen und Lokalen, die Jizhouer Spezialitäten anbieten. Reisende meinen, man „müsse in die Yuyang-Straße gehen, um alle Snacks zu probieren“ – allen voran die beliebte Doupi Juan Youbing (豆片卷油饼), eine dünne Tofufolie, die um einen knusprig ausgebackenen Teigstick gewickelt wird. Weitere regionale Köstlichkeiten sind die kräftige Jizhou-Lammbrühe, der klebrige Reiskuchen “Tretender Esel“ (驴打滚) und die süße Tee-Suppe, die aus riesigen Kupferkesseln ausgeschenkt wird. Wenn abends rote Laternen die Straße erleuchten und Grillduft in der Luft liegt, brutzeln Händler Lammspieße über dem offenen Feuer. (Einige Besucher bemerken, dass es hier beschaulicher und kleiner ist als in den touristischen Einkaufsstraßen des Tianjiner Stadtzentrums – für viele macht gerade das den besonderen Charme aus.) Während man schlendert, kann man an Souvenirständen stöbern – Scherenschnitte, bemalte Kalebassen und anderes Kunsthandwerk – und dabei genüsslich naschen.
Dank ihres authentischen Ambientes und der guten Erreichbarkeit hat sich die Altstadt von Jizhou zu einem beliebten Ausflugsziel fürs Wochenende entwickelt. Viele Besucher aus Peking und Tianjin schwärmen von Jizhou als „verborgenem Schatzstädtchen“, das voller Entdeckungen steckt und nostalgisches Flair versprüht. An Feiertagen füllen traditionelle Aufführungen, Märkte und Lichtinstallationen die Gassen und lassen die Historie lebendig werden. Ob Geschichtsliebhaber auf den Spuren der Tang- und Liao-Dynastie, Feinschmecker auf der Suche nach authentischer nordchinesischer Küche oder Reisende, die einfach gemächlich durch jahrhundertealte Straßen bummeln möchten – diese Handelsstadt aus der Tang-Zeit bietet ein lohnendes Eintauchen in vergangene Zeiten.
