Shanghai ist derzeit besessen von „alten“ Orten — Restaurants mit leicht abgenutzten Interieurs, schweren Holzstühlen und Gerichten, die noch nicht für Social Media neu erfunden wurden. Jing Mei Wuxi gehört genau in diese Kategorie. Ein kleines Nudelrestaurant an der Yanping Road, das die Einheimischen gleichzeitig lieben und ein bisschen eifersüchtig vor zu viel Aufmerksamkeit schützen.
Den Bewertungen nach kommt man hier nicht einfach für „die besten Nudeln Shanghais“ her. Die Leute suchen etwas sehr Konkretes: alte Jiangnan-Aromen, süßliche Sojasauce, leicht ölige Nudeln, Fleisch, das unter den Stäbchen zerfällt, und dieses besondere Gefühl eines Lokals, das ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt — und genau deshalb funktioniert.
Das Signature Dish sind die Nudeln mit geschmorten Schweinerippchen. Fast jede zweite Bewertung beschreibt sie ähnlich: klebrig-süßliche Sauce, angenehm elastische Nudeln und ein riesiges Stück Fleisch, das schmeckt, als hätte es stundenlang geschmort. Für manche ist die Süße fast zu viel — die Küche aus Wuxi ist bekannt dafür — aber die meisten schreiben am Ende sinngemäß: „Ja, es ist süß. Und ja, ich konnte trotzdem nicht aufhören zu essen.“
Die Suppen-Dumplings sind der zweite Pflichtpunkt auf der Karte — und vermutlich auch das meistfotografierte Gericht. Dünner Teig, viel Brühe im Inneren, glänzende Füllung: genau diese klassische Shanghai-Comfort-Food-Ästhetik. Einige Gäste meinen zwar, die Version hier sei etwas stärker an den Geschmack Shanghais angepasst als an die Originale aus Wuxi, wirklich gestört scheint das aber niemanden zu haben.
Ein großer Teil des Charmes liegt in der Atmosphäre. Die Leute nennen das Restaurant ständig „klein“, „altmodisch“ oder sogar „ein bisschen heruntergekommen“ — allerdings immer liebevoll. Das hier ist kein durchgestyltes Trendrestaurant und kein modernes Comfort-Food-Konzept. Es wirkt eher wie ein Nachbarschaftslokal, das einfach überlebt hat, während sich die Stadt ringsherum komplett verändert hat.
Das blau-weiße Porzellan, die engen Sitzplätze, der Lärm im Gastraum und die Warteschlangen vor der Tür gehören für viele sogar ausdrücklich zum Erlebnis dazu.
Interessant ist auch, wie oft die Bewertungen plötzlich von Desserts und kleinen Beilagen schwärmen. Besonders häufig tauchen süße Bohnen-Desserts und alles mit gesalzenem Eigelb auf — viele kommen wegen der Nudeln und schreiben am Ende die halbe Rezension über irgendein überraschend gutes Dessert.
Wirklich harte Kritik gibt es kaum. Die meisten Beschwerden drehen sich um die Warteschlangen, die Enge oder den süßen Geschmack, falls man mit dieser regionalen Küche nicht vertraut ist. Aber selbst negative Kommentare klingen oft eher wie: „Ja, es ist süß, laut und voll — genau darum geht es doch.“
Am Ende wirkt Jing Mei Wuxi wie eine seltene Art von Restaurant in Shanghai: ein Ort, der längst bekannt geworden ist und sich trotzdem noch wie ein kleines lokales Geheimnis anfühlt.
