In Peking gibt es Restaurants, die als kulinarische Attraktionen funktionieren — und solche, die in einer anderen Logik arbeiten, fast wie Besprechungsräume mit sehr gutem Essen. Exquisite Bocuse (Jingcaixuan) gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Es liegt im Geschäftsviertel Guomao, umgeben von Glas und Stahl — der Architektur des modernen chinesischen Kapitalismus — wo ein Abendessen oft wie eine Verlängerung des Arbeitstags wirkt, nur mit Porzellan und Wein. Innen herrscht eine zurückhaltende, durchdachte Eleganz: gedämpftes Licht, großzügige Räume, private Separees. Alles ist darauf ausgelegt, dass das Gespräch im Mittelpunkt steht.
Der Service ist nahezu makellos. Das Personal bewegt sich wie ein gut eingespieltes Ensemble: diskret, synchron, nie aufdringlich. Teller werden gewechselt, Tee wird nachgeschenkt, Pausen werden antizipiert — und das mit einer Sicherheit, die man in China oft erwartet, aber nicht immer bekommt. Hier ist der Service kein Beiwerk, sondern ein zentraler Teil des Erlebnisses.
Die Küche ist kantonesisch, mit leichten Anklängen an Moderne, jedoch ohne echte Experimente. Ziel ist nicht zu überraschen, sondern nicht zu enttäuschen. Die Karte folgt bekannten Mustern: Dim Sum, kalte Vorspeisen, gebratenes Fleisch, Meeresfrüchte. Das meistdiskutierte Gericht ist Mapo-Tofu mit Hummer — eine ungewöhnliche, aber gelungene Verbindung aus sichuanesischer Klassik und kantonesischer Luxus-Zutat. Die Schärfe ist abgemildert, die Texturen fein ausbalanciert, der Geschmack rund und zugänglich — fast so, als sei er darauf ausgelegt, jedem am Tisch zu gefallen.
Weitere gelungene Gerichte sind zarte Rollen in Tofuhülle, frische Salate mit Mu-Err-Pilzen sowie gut gemachtes Char Siu — nicht zu fett, mit sauber karamellisierter Kruste. Doch selbst in den positivsten Bewertungen taucht immer wieder derselbe Gedanke auf: „nichts Überraschendes“. Das Essen ist handwerklich präzise und konstant gut, überschreitet aber selten die Erwartungen. Mitunter wirkt es leicht süßlich oder etwas ölig — Eigenschaften, die in einer breit ausgerichteten kantonesischen Küche nicht ungewöhnlich sind.
Hier zeigt sich der zentrale Widerspruch des Restaurants. Die Gäste vergeben hohe Bewertungen — für Atmosphäre, Service und das Gesamterlebnis — beschreiben das Essen aber oft nur als „gut“. In Jingcaixuan zählt das Erlebnis häufig mehr als der Geschmack selbst. Es geht weniger darum, was man gegessen hat, als darum, wie es sich angefühlt hat.
Mit einem durchschnittlichen Preis von 200–300 RMB pro Person bewegt sich das Restaurant in einer schwierigen Erwartungszone: Man rechnet mit einem fast Michelin-würdigen Erlebnis, bekommt aber „nur“ eine sehr solide, souveräne Leistung. Keine Enttäuschung — aber auch keine Offenbarung.
Und doch hat Jingcaixuan eine klare Rolle. Es ist ein Restaurant für Anlässe: Geschäftsessen, Familienfeiern, Treffen, bei denen der Rahmen ebenso wichtig ist wie das Essen. Man kommt nicht wegen kulinarischer Entdeckungen, sondern wegen verlässlicher Qualität — dem beruhigenden Gefühl, dass alles reibungslos verlaufen wird.
In diesem Sinne ist Jingcaixuan ein perfektes Beispiel für Pekings „Business-Luxus“-Gastronomie: ein Restaurant, das nicht versucht, das beste der Stadt zu sein, aber genau weiß, warum es existiert.

